13.07.2009

Liebherr-Werk in Rostock veranstaltet Tag der offenen Tür

Foto: fh

Im Reich der Riesen

Am zweiten Juli-Wochenende bot sich allen Interessierten maritimer Krantechnik die Möglichkeit, im Rostocker Liebherr-Werk einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Stiller Star im Hintergrund: Der neue MTC 78000, der nach seiner Montage auf der OSA Goliath als Schiffskran der 2.000-t-Klasse nicht nur bei Liebherr ein neues Kapitel in der Krantechnik aufschlagen soll.

Die Liebherr-MCCtec Rostock GmbH, so der offizielle Name der Tochtergesellschaft der Liebherr-Werk Nenzing GmbH, lud Mitte Juli alle Mitarbeiter und deren Familien sowie alle Interessierten zu einem Tag der offenen Tür auf das weiträumige Produktionsgelände im Rostocker Hafengelände ein. Ganz offensichtlich muss dabei auch Petrus ein weiteres Mal ein hohes Interesse daran gehabt haben, den unzähligen Besuchern mit überraschend gutem Wetter einen nahezu trockenen Betriebsrundgang zu ermöglichen. Dabei hätten die riesigen, schon jetzt bestehenden Hallen allen Anwesenden mehr als ausreichend Platz geboten, einen trockenen Tag auf dem Werksgelände zu verleben. Noch vor Betreten des derzeitigen Liebherr-Areals erhielten die Besucher darüber hinaus einen Eindruck zu den zukünftigen Verhältnissen des norddeutschen Produktionsstandortes. So führt die Zufahrtsstraße zum Haupttor am derzeitigen Neubau einer weiteren, immerhin 740 m langen Fertigungshalle entlang, in dem zukünftig der zentrale Stahlbau untergebracht werden soll. Werksleiter Thomas Müller sieht der Fertigstellung der neuen Produktionskapazitäten mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen.

„Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir mit der neuen Halle endlich die Möglichkeit erhalten, die Produktionsprozesse in den bestehenden Gebäuden erneut zu entflechten und die Abläufe im Sinne einer wirtschaftlichen Fertigung neu zu ordnen“, so der studierte Maschinenbauer und Wirtschaftsfachmann. „Allerdings“, so Müller weiter, „ mache ich mir angesichts der dann vorhandenen Gesamtfläche schon meine Gedanken, wie ich meinen täglichen Gang über das Gelände in einer absehbaren Zeit schaffen kann. Ein Fahrrad wird wohl das Mindeste sein.“ Weitaus mehr als die Neuorganisation des eigenen Tagesablaufes interessiert Thomas Müller jedoch die Schaffung neuer Arbeitsplätze und hier besonders die Ausbildung zukünftiger Liebherr-Mitarbeiter. So ist geplant, die Mitarbeiteranzahl, die im vergangenen Jahr schon in Richtung 1.000 tendierte, im endgültigen Ausbaustadium auf etwa 1.700 zu erhöhen – vorausgesetzt, das derzeitige Tief an neuen Ordern wird in absehbarer Zeit überwunden. Bildete man Ende vergangenen Jahres noch 90 junge Menschen bei der Liebherr-MCCtec Rostock GmbH aus, so soll die Zahl der Auszubildenden mit der neuerlichen Werkserweiterung ebenfalls deutlich steigen. „Uns kann nichts Besseres geschehen, als den jungen Menschen mit einer Ausbildung in unserem Werk eine solide Perspektive für die Zukunft zu geben, und so für das Unternehmen qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen, die von Beginn mit der hauseigenen Philosophie verbunden sind“, so Werksleiter Thomas Müller.

Nicht weiter verwunderlich also, dass zum Rahmenprogramm des Tags der offenen Tür auch das Werben und Informieren junger Besucher mit einem separaten Stand der Ausbildungsabteilung zählte. Darüber hinaus führte der eingerichtete Werksrundgang ganz gezielt auch durch die Lehrwerkstatt, um den zukünftigen Auszubildenden auch hier einen hautnahen Blick hinter die Kulissen der norddeutschen LWN-Tochter zu ermöglichen. Doch nicht nur die zukünftigen Liebherr-Mitarbeiter dürften mit staunenden Augen die Produktionsanlagen und das Testgelände an diesem Samstag erkundet haben. Angesichts der Dimensionen der Produktionsanlagen, der ausgestellten Komponenten und Baugruppen und nicht zuletzt der Einsatzdemonstrationen der gefertigten Geräte wird wohl so mancher Besucher in’s Schwärmen geraten sein. Da relativiert sich sogar, dieser Vergleich sei aus aktuellem Anlass erlaubt, die sicherlich schon beeindruckende Größe und die darin untergebrachte Produktion einer neuen Raupenkran-Halle der Liebherr-Schwester in Ehingen. Einen entscheidenden Anteil an dieser Bewertung hat natürlich auch die derzeitige Fertigung der vier georderten MTC 78000. Allein die Dimensionen des Turmes sprengen nicht nur Liebherr-Verhältnisse. Mit etwa 9,2 m Durchmesser erinnert die Produktion der Grundsäule aus allernächster Nähe eher an eine Raketenfertigung bei der NASA, denn die Entstehung eines „Krans“. So weiß denn auch Werksleiter Thomas Müller von ganz besonderen Herausforderungen bei der Konstruktion, aber eben auch bei der Fertigung der Großgeräte zu berichten.

So wurde schon beim Entwurf des etwa 1.600 t hebenden Krans darauf geachtet, die einzelnen Stückgewichte in Handling-freundlichen Bereichen zu halten. Bei den einzelnen Dimensionen versuchte man, die Fertigung möglichst in den bestehenden Hallen zu halten – was sich aber spätestens bei der Lackierung nicht mehr realisieren ließ. Also entstand auch dem Werksgelände eine separate Einrichtung für die Oberflächenveredelung und Konservierung des MTC 78000. Diese ließ sich natürlich nicht vor den Augen der eingefleischten Kransfans aus aller Welt verbergen, und so wurden schon während der Produktion des ersten MTC zahlreiche Schnappschüsse, die sich hervorragend von der Wasserseite des Liebherr-Gelände aus anfertigen ließen, im weltweiten Netz veröffentlicht. Und spätestens bei der Montage des ersten, jetzt abgelieferten Krans an Land, ließ sich der Fortgang der Arbeiten nicht wirklich vor den „crane-spottern“ verheimlichen. Dabei weißt Thomas Müller einmal mehr darauf hin, dass angesichts der gewählten Technik mittels konventioneller Großwälzlagertechnologie trotzdem äußerste Präzision bei der Fertigung gefragt war. „Ein Beispiel soll die zahlreichen Herausforderungen verdeutlichen, die sich mit der Umsetzung der Pläne auch für uns hier in Rostock ergaben. So führt die gewichtsoptimierte Bauweise des Krans dazu, dass Sie während der eigentlichen Bearbeitung von Baugruppen mit veränderten Schwerpunkten konfrontiert werden. Nach einer Reihe von Versuchen haben wir auch diese Herausforderungen in den Griff bekommen“, erläutert Müller. „Und“, da ist sich der Werksleiter sicher, „genau dieses, hier im Hause entwickelte Know-how schützt uns zunächst einmal davor, dass Wettbewerber zumindest in absehbarer Zeit diesen Kran einfach kopieren und nachbauen können.“

Dabei kann sich das Liebherr-Werk Nenzing glücklich schätzen, gleich vier Geräte des MTC 78000 auf dem sicherlich nicht großen Weltmarkt abgesetzt zu haben. Während die ersten beiden MTC mit einem über 70 m langen Hauptausleger für die Arbeit an Offshore-Ölbohrplattformen konzipiert sind, werden beiden folgenden Geräte mit Auslegern um die 100 m insbesondere bei der Errichtung von Offshore-Windkraftanlagen zum Einsatz gelangen. Als Beispiel für die langfristigen Arbeitsperspektiven der Krane steht auch die Vermietung der jetzt mit dem ersten MTC komplettierten OSA Goliath, die in den kommenden fünf Jahren Schäden an Bohrplattformen im Golf von Mexiko instandsetzen soll, die 2005 durch den Hurrikan Katrina verursacht wurden. Dabei steht der geplante Einsatz unmittelbar bevor. So bot sich für das Liebherr-Werk in Rostock der kurze Zeitraum zwischen Montage und erfolgreichem Testen des MTC sowie dem Ablegen der OSA Goliath in Richtung Amerika an, nach dem eigentlichen Anlaufen der Produktion im Jahre 2005 nun mit einem ersten Tag der offenen Tür allen Interessierten einen Blick hinter die nach wie vor wachsenden Kulissen des Rostocker Werkes zu ermöglichen. Weitere, detaillierte Angaben zum MTC 78000 gibt es darüber hinaus übrigens in unserer (gedruckten) Ausgabe 05/2008 der „Kran- & Hebetechnik“ oder im Netz unter  http://www.kran-und-hebetechnik.de/news/krane/did1149416/ozean-riese.html

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